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"Gehorsam ist des Christen Schmuck?" - Das Frühjahrsseminar 2009

  Unter "Impressionen" befinden sich einige Fotos zum Seminarwochenende.

Gehorsam als Tugend nicht gefragt

Das christliche Friedensseminar Königswalde bei Werdau stellte seine Tagung am 9. Mai unter das provokatorische Thema "Gehorsam ist des Christen Schmuck?" Das Fragezeichen stellte dabei das Problem dar, das wir Christen mit dem Satz von Paulus "Jedermann sei untertan der Obrigkeit" (Römer 13,1) haben. Kirchenrat Dr. Thomas Seidel aus Weimar referierte1 über die Tradition von Gehorsam und Aufbegehren in der Kirchengeschichte. Im 20. Jahrhundert wuchs sich politische Macht als "totale Mobilmachung und blinder Gehorsam" sowohl unter den Nationalsozialisten als auch unter den Kommunisten Stalinscher Prägung aus. Dagegen setzte die Barmer Bekenntnissynode 1934 in ihrer 5. These den Satz "Fürchtet Gott, ehrt den König". Diese These widersprach dem Allmachtsanspruch einer Partei die "immer Recht hatte". Manch einer der 50 Seminarteilnehmer erinnerte sich dabei an eine entsprechende Liedzeile aus DDR-Zeit.

Dorothee Sölle kritisierte in ihren frühen Schriften vehement die Obrigkeitsgläubigkeit, die sich auf Römer 13 beruft. Dr. Seidel, Beauftragter der thüringischen ev. Landeskirche für Angelegenheiten des Landtages erinnerte in diesem Zusammenhang an den "Thüringer Weg" unter Landesbischof Moritz Mitzenheim. Dieser hatte, möglicherweise aus Angst vor Gleichschaltung, sich zu stark umstrittenen Zugeständnissen gegenüber Ulbrichts Politik hinreißen lassen. Diese Zugeständnisse, so der Referent, lassen sich schwerlich aus der Haltung des Apostels Paulus ableiten, der doch wegen seiner Unterordnung des Kaisers unter Gott in Gefahr für Leib und Leben geriet.

Dass weltliche Herrschaft niemals gottgleiche Züge tragen darf, ist uns selbstverständlich. Aber was bedeutet das für die Einmischung des Christen in politische Angelegenheiten? Ist nur vor unbegrenzter Machtausdehnung zu warnen oder ist auch das Risiko des Eingriffs in die Politik einzugehen? Paulus, so Thomas Seidel, warnt uns vor frommer Weltflucht, aber auch vor religiöser Revolution.

In den anschließenden Gruppengesprächen und im Schlussplenum kamen dann auch unterschiedliche Vorschläge zur Sprache. Zum Beispiel die Idee, die Arbeitslosigkeit dadurch zu bekämpfen, dass die wöchentliche Arbeitszeit von 40 Stunden auf 32 Stunden herabgesetzt wird. Und dies alles ohne Lohnausgleich! Wenn diese 4-Tage-Woche funktionieren soll, muss sie auch von Christen vorgelebt werden, wofür sich zahlreiche Teilnehmer aussprachen. Damit wurde das Königswalder Friedensseminar wieder einmal zu einem Forum zeitgemäßer Themen und Ideen. So wie das Seminar zwischen 1973 und 1989 immer wieder zukunftsfähige Themen vorwegnahm (Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung), so stellt es sich auch heute wieder den Herausforderungen, die das Leben an die Menschen stellt. Wir denken dabei an privatisierte Gewalt, an Globalisierung, an Finanzkrise und an Klimawandel. Dass Christen dabei politisches Handeln stets mit der Suche nach dem geeigneten Lebensstil verbinden, scheint die Konstante des Königswalder Seminars zu sein.

von Martin Böttger

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1 Das Referat steht als PDF-Dokument zum Download bereit.

 

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